Tag 10: Donnerstag, 29. Mai, 2025
Getunte Landeshauptstadt
Keutschach am See – Silberegg
55 km | ↗ 410 m | ↘ 280 m
Als ich aufwache freue ich mich. Das Wetter hat sich wieder beruhigt und die Sonne scheint. Also Morgenroutine wie immer: Zelt abbauen und zum trocknen auslegen, restliches Gepäck verstauen und Frühstück machen. Ich bin froh, dass es gleich neben dem Zeltplatz einen Spar Supermarkt hat, der auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet ist. So kann ich fürs Müesli noch ein Joghurt und ein paar frische Himbeeren kaufen. Für Unterwegs packe ich noch Süssgetränke, Brötchen und einem Wurstsalat dazu.
Bevor ich aufgestanden bin checkte ich nochmal die Online-Karten von Waymarked Trails und entdecke dabei eine ganz sinnvolle Variante für die letzten beiden Tage. Auf Waymarked liegen alle Radwege sehr übersichtlich in einem Overlay über der Karte, was auch auf dem kleinen Handydisplay einigermassen lesbar ist. Die Radrouten R7 und R18 führen von Klagenfurt am Wörthersee in nördlicher Richtung bis nach Teufenbach, wo die 18 auf den Murradweg trifft, dem man dann bis Leoben folgen kann. Das Gute an dieser Route: Man folgt hier mehrheitlich der Bahnlinie Villach – Leoben und kann so auch jederzeit auf die Bahn ausweichen. Auch Isabelle findet den Plan gut und ich muss jetzt nur noch die Tracks auf mein Edge bringen, was am Handy für mich immer wieder eine kleine Challenge ist.
Wir haben uns vorgenommen einfach mal loszufahren und uns am frühen Nachmittag nach Campingplätzen oder Hotels umzuschauen. Hotels, weil nach Klagenfurt die Zeltplätze eher dünn gesäht sind. Schon bald erreichen wir den Wörthersee, dem wir ein paar Kilometer folgen. Man merkt, dass Auffahrt (Himmelfahrt) ist. Auf Strasse und Radweg ist einiges los und auch die Autotuner sind wieder zahlreich unterwegs. Am östlichen Ende des Wörthersees folgen wir für drei Kilometer dem Lendkanal, wo wir auf den Radweg R7 treffen. Schnurgerade führt das Flüsschen das auf beiden Seiten von Baumreihen gesäumt ist, bis ans Altstadtzentrum. Unser Weg biegt aber kurz vor der Zentrum nach Norden ab, aber als uns an einer Strassenkreuzung ein schöner Kirchturm in Richtung Zentrum auffält, frage ich Isabelle, ob wir da schnell hinradeln wollen, bevor es weiter geht. Sie willigt ein und so machen wir einen kleinen Schlenker zu diesem Kirchturm. Schon an der nächsten grossen Kreuzung stockt mir der Atem. Wir stehen vor dem Stadttheater. Ein über 100 Jahre altes Gebäude, das eine unglaubliche Strahlkraft hat. Auf der Website heisst es: Es ist das südlichste Theater des deutschsprachigen Raums. Gebaut 1908 - 1910 vom legendären Architektenduo Helmer & Fellner im freien Empirestil. Was auch immer das ist. Mir gefällts. Die angepeilte Kirche ist von dort nur noch ein, zwei Hausblöcke entfernt und auch ein eindrückliches Gebäude. Spontan entscheiden wir dann, auch noch schnell das Zentrum von Klagenfurt wenigstens kurz zu streifen. Google Maps hilft uns, den Weg durch die Fussgängerzone ins Zentrum zu finden. Wir passieren ein paar eindrückliche Strassen mit repräsentativen Gebäuden. Die reich geschmückten Fassaden ähneln dem, was wir schon in Ljubljana gesehen haben. Kurz bevor wir den Marktplatz erreichen, nehmen die Menschenmassen merklich zu und getunte Autos säumen die Strassen. Jede noch so kleine Nische ist zugeparkt. Der Marktplatz scheint einer der Haupt-Spots des GTI-Treffens zu sein. Dutzende von getunten Autos sind hier auf um den Platz geparkt und die Sahnestückchen haben wohl das Privileg, auf dem Marktplatz selber präsentiert zu werden. Amüsiert geniesse ich das Bad in dieser verrückten Tuner-Crowd. Gestern Abend hatte mich auf dem Campingplatz ein netter Herr aus dem Schwarzwald noch genauer über dieses Event aufgeklärt. Es findet seit 1982 in Reifnitz statt und begann mit etwa hundert GTI-Fans, für die ein Hotelier das Treffen organisierte, um die Zwischensaison etwas aufzubessern. In den Jahren danach wuchs der Event, der jeweils am Mittwoch vor Auffahrt beginnt und bis Samstag dauert, auf über 200’000 autoverrückte Besucher an. Die Gemeinde Maria Wörth organiserte ab da die Treffen, aber die immer stärker überbordenden Besuchermassen, Ausschreitungen, Lärmbelästigungen und Umweltbedenken führten zu immer grösseren Imageproblemen. 2023 zog sich Maria Wörth als Veranstalter zurück, worauf VW ein GTI Treffen in Wolfsburg organisierte, was aber nur 15‘000 Fans anzog. Obwohl die Gemeinde Maria Wörth die offizielle Veranstaltung beendet hat, bleibt die Region nach wie vor an Auffahrt der Hotspot für die Autofanatiker. Verschiedene kleinere Treffen und eine Tuningmesse in Klagenfurt scheinen dieses Jahr trotz allem wieder tausende Menschen angezogen zu haben. Das ganze drum herum in der Region, mit den Autocorsos, den Fans die sich am Strassenrand aufstellen und den zugeparkten Parkflächen, wo die Tuner ihre Kunstwerke präsentieren ist aktuell wohl eher geduldet, als offiziell bewilligt, ich weiss es aber nicht wirklich. Gegen solche Menschemassen ist aber auch nur schwer aufzukommen, wenn etwas einen solchen Kultstatus erreicht hat. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was man nächstes Jahr darüber in der Presse lesen kann und wie es mit diesem verrückten Event weiter geht.
Stadthaus Klagenfurt
Als wir unsere kleine Runde durch Klagenfurt beendet haben, setzen wir uns in einem kleinen Park auf eine sonnige Bank und geniessen etwas ab vom Trubel unser mitgebrachtes Mitagessen. Klagenfurt war für mich auf jeden Fall eine grosse Überraschung. Ich wusste ja nicht mal, dass es die Landeshauptstadt von Kärnten und mit über 100’000 Einwohnern die sechstgrösste Stadt Österreichs ist. Shame on me. Um die schöne Landeshauptstadt von Kärnten zu besichtigen, würde sich hier auf jeden Fall ein Pausentag lohnen. Hier gäbe es noch viel zu sehen. Für uns geht es aber weiter. Ab jetzt auf dem Radweg R7 Richtung Norden. Wir folgen weiter der Glan. Die Berge rücken immer weiter in die Ferne und wir durchfahren eine breite, ruhige, sattgrüne Ebene. Es läuft geschmeidig, bis eine Baustelle den Radweg versperrt. Durch einen anderen Radfahrer lassen wir uns verleiten den rechtsläufigen Radweg zu verlassen und folgen ihm auf der linken Flussseite. Dies wäre aber nicht nötig gewesen, weil man die Baustelle trotzdem hätte passieren können, was die vielen Radfahrer auf der anderen Flussseite beweisen. Auf unserer Seite verengt sich der Weg nach ein paar hundert Metern zu einem schmalen Trampelpfad und schon bald fahren wir auf einem durch hüfthohen Gras und Brennesselgestrüpp überwucherten rumpeligen Singletrail. Schön langsam und vorsichtig pedalen wir tapfer weiter, weil wir zum umdrehen schon zu weit gefahren sind. Wir hoffen, dass wir bald eine Brücke kommt um die Flusseite zu wechseln, oder unser Weg wieder breiter und fahrbarer wird. Rad, Gepäck und Fahrer werden hier wieder gut gefordert, aber es sind ja auch genau diese kleinen Erlebnisse, die einem am Ende mit einem Lächeln in Erinnerung bleiben.
Unterwegs
Der weitere Verlauf ist recht hübsch zu fahren, ausser dass der Radweg immer wieder mal stärker befahrenen Strassen folgt und wir gegen den Wind ankämpfen müssen. Ein kräftezehrender Aufstieg bei Gegenwind, aufziehende Wolken und die fortgeschrittene Zeit, lassen uns nach 45 Kilometer Strecke unser geplantes Tagesziel nochmal überdenken. Isabelle möchte nicht noch weitere 30 Kilometer bis zum angepeilten Campingplatz fahren und so schauen wir uns nach Alternativen um. Isabelle ist von uns beiden der Profi, wenn es um Hotelsuche auf dem Smartphone geht. Sie findet in Silberegg den Gasthof Tauser und reserviert für uns ein Zimmer. Silberegg liegt etwas abseits der Route. Der Weg dorthin führt wieder durch eine wunderschöne leicht hügelige Landschaft und wir haben die schönen Nebenstrassen fast wieder für uns allein. Am Horizont tut sich eine kahle Bergkette auf, die mich fasziniert. Ich bin völlig erstaunt, als ich feststelle, dass dieser sanft ausschauende Höhenzug über 2000 Meter hoch ist. Ein bisschen Recherche ergibt, dass diese Mittelgebirgskette schon vor der Bildung der Alpen existierte. Sie nennt sich Saualpe. Die Höhe ist aus der Ferne überhaupt nicht abschätzbar und hätte mich jemand vor Ort gefragt, wie hoch dieser kahle kupierte «Hügelzug» ist, hätte ich das mit dem Schweizer Jura, Schwarzwald, oder den Vogesen verglichen und auf vielleicht 1200 bis 1500 Meter geschätzt. Da würde ich supergerne mal ein paar Tage verbringen und das ganze mit dem Bike und zu Fuss erkunden.
Als wir um 17 Uhr den Gasthof erreichen, stehen wir zwar vor einer offenen Tür, aber kein Mensch weit und breit. So versuchen wir per Telefon jemanden zu erreichen und tatsächlich melden sich die Eigentümer und sagen uns, dass sie gleich sein werden. Zehn Minuten später fährt ein Auto vor und ein sehr freundliches Ehepaar heisst uns Willkommen. Die Räder dürfen wir im Speisesaal abstellen. Das geräumige Dachzimmer mit Bad ist modern, super sauber und gemütlich. Es scheint, als ob die Zimmer vor nicht allzu langer Zeit renoviert wurden. Wir richten uns ein, machen uns frisch und erscheinen pünktlich um 19 Uhr in der Gaststube. Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein. Auf meine Nachfrage beim einchecken meinte die Chefin zwar, dass sie keine Küche mehr anbiete, erbarmt sich aber uns Veloreisenden und bietet uns zunächst Nudeln aglia e olio an, aber das mag Isabelle nicht. Darauf meint sie, dass sie Lachs im Tiefkühler hätte den sie uns auch zubereiten könnte. Wow! Was für eine nette Geste, die wir gerne annehmen. Serviert wird uns das Essen dann standesgemäss im Saal bei unseren Rädern und schon der Salat schmeckt sehr gut. Für mich ist der Salat immer ein erster Gratmesser für die Küche. Das Lachsfilet ist riesig. Dazu gibts Kartoffeln und eine feine Zwiebel-/Tomatensauce. Wir lassen es uns schmecken und auch der Weisswein passt perfekt zum Hauptgang. Mit vollem Bauch geht es dann zeitig in die Heia und einmal mehr fehlt mir die Energie, das Erlebte niederzuschreiben – was ich jetzt stundenlang auf der Heimreise nachholen kann.
Herrlicher Blick in die Alpen