Tag 11: Freitag, 30. Mai, 2025
Finale Furioso
Silberegg – Sankt Peter ob Judenburg - Leoben
78 km | ↗ 1010 m | ↘ 930 m
Der Tag startet schön sonnig und nach einem reichhaltigen Frühstück machen wir uns gegen 9:30 Uhr auf den Weg. Gestern Abend hatte ich noch etwas herumgesurft und gesehen dass das naheliegende Althofen eine sehr sehenswerte Altstadt haben soll. Ähnliches las ich über Friesach, was auch auf unserer heutigen Route liegt. Weil die verbleibende Strecke bis Leoben zu weit ist, planten wir die heutige Etappen so, dass wir uns für die Sehenswürdigkeiten unterwegs noch Zeit nehmen können und das letzte Stück dann mit dem Zug nach Leoben fahren.
Tolle Landschaft gleich zum Start
Bis Althofen sind es gut fünf Kilometer und nach einem heftigen Schlussanstieg erreichen wir das historische Städtchen oben auf dem Hügel nach einer halben Stunde. Was uns hier erwartet, übertrifft einmal mehr meine Erwartungen. Wir kommen in ein toll erhaltenes und schön gepflegtes mittelalterliches Städtchen, das wir praktisch für uns alleine haben. Keine Touristenströme, kein grosser Busparkplatz. Idylle pur und Geschichte zum geniessen. Es mangelt nicht an Fotosujets und freue mich, dass wir an diesem einmaligen Ort nicht vorbeigefahren sind. Wir stellen unsere Räder ab und schlendern durch die paar Häuschen, die dieses Kleinod für uns bereit hält. Der quadratische Annenturm, an dem man im letzten Steilstück vorbei fährt war früher Teil der Befestigung Althofens und ist schon von weitem zu sehen. Zuoberst auf dem Hügel thront die Kirche, der wir natürlich auch einen kurzen Besuch abstatten. Die Häuser sind alle mit kleinen Infotafeln versehen. So erfährt man noch ein paar weitere interessante Details zum Ort und den Gebäuden. Als wir die Tour fortsetzen wollen, kommen wir an einem kleinen Museum vorbei. Ich dachte erst, dass es hier bestimmt um Althofen geht, aber das Museum ist dem Erfinder und Chemiker Dr. Carl Auer von Welsbach gewidmet, der massgeblich dafür verantwortlich ist, dass im 19. Jahrhundert das (Gas-)Licht, dank der Erfindung des Glühstrumpfes in der Breite Einzug fand. Er erfand auch die Metallfadenlampe, welche der bereits erfundenen Glühlampe von Edison wegen der viel besseren Glühfäden und der besseren Qualität und Lebensdauer bald den Rang ablief. Zudem war er auch der Gründer der Firma Osrom und entdeckte vier seltene Erden, unter anderem das Neodym, welches in der heutigen technologisierten Welt nicht mehr wegzudenken ist. Der Tausendsassa erfand auch die Feuersteine und löste damit die Revolution der Feuerzeuge aus. Er war zudem auch an der Entwicklung der Farbfotografie beteiligt und vielem vielem mehr. Es würde hier den Rahmen sprengen, all seine Erfindungen, die auch heute noch von Bedeutung sind, aufzuzählen. Als ich vor dem Museum stehe und lese, dass Dr. Auer massgeblich zur modernen Beleuchtung der Städte, Dörfer und Behausungen beigetragen hat, frage ich Isabelle, ob es auch für sie in Ordnung ist, hier nochmal ein bisschen Zeit zu investieren. Sie willigt ein und wir kaufen uns die Eintrittskarten. Der Preis von neun Euro dünkt mich etwas hoch, aber die kleine und liebevoll gestaltete Ausstellung in nur vier oder fünf Räumen, ist ein wahres Sammelsurium an interessanten Dingen und der Preis ist auf jeden Fall gerechtfertigt. Dank einem Audioguide erfährt man viel Interessantes über das Leben und Werk von Carl Auer von Welsbach. Ein zehnminütiges Video und eine Lichtschau in einem mit vielen originalen Gerätschaften ausgestatten und nachgebauten Laboratorium, runden diesen sehr interessanten Museumsbesuch ab.
Im Labor von Dr. Carl Auer von Welsbach
Bis wir unsere Reise fortsetzen, ist schon wieder halb zwölf durch. Uns bläst wieder ein heftiger Gegenwind entgegen, der unser Vorwärtskommen ganz schön ausbremst. Die Gegend ist ein Traum. Ich bin entzückt, auch wenn der Radweg auch hier immer wieder stärker befahrenen Strassen folgt. Gegen halb eins erreichen wir Friesach. Ein weiteres Highlight. Dieses mittelalterliche Städtchen umgibt den anscheinend einzig noch komplett erhaltenen, wasserführenden Wassergraben und ein sehr schön erhaltenes Zentrum. Vor dem Dorf macht ein grosses Gelände mit ebenso grossen Werbeplakaten auf sich aufmerksam. Darauf steht: «Wir bauen eine Burg». Bevor wir ins Städtchen fahren, treibt uns die Neugier aber erst zu den Burgbauern. Wir werden aber nicht wirklich schlau, was das hier alles soll. Ein kleiner Kiosk, eine Kasse, ein Kinderspielplatz und ein eingezäuntes Gelände, in das man nicht hinein sieht. Auf den Planen, die das Gelände eingrenzen sieht man Bilder von altem Handwerk und wir vermuten, dass hier ähnlich wie in Balenberg in der Schweiz, historische Handwerke aus dem Mittelalter gezeigt werden. Zu sehen ist aktuell aber nichts, ausser ein paar Familien die wohl wegen dem Kiosk und dem Spielplatz mit ihren Kindern hierher gekommen sind. So fahren wir unverrichteter Dinge ins Städtchen. Inzwischen habe ich heraus gefunden, dass es sich hier um ein wirklich spannendes Projekt handelt. «Erlebnis Burgbau Friesach» möchte in 40 Jahren eine Burg erstellen und zwar ohne moderne Hilfsmittel. Also nur mit dem, was schon im Mittelalter an Werkzeug zur Verfügung stand. Seit 2009 läuft das Projekt bereits und bis 2023 wurden auf dem Gelände, das wohl etwas oberhalb am Berg liegt, Werkhütten erstellt und 2013 mit dem Bau des Wohnturmes begonnen. Auf der Website burgbau.at kann man sich über dieses spannende Projekt weiter informieren.
Im Städtchen suchen wir als erstes ein Restaurant. Es ist schon wieder kurz vor eins. Im Goldenen Anker finden wir noch einen freien Tisch im Schatten. Ich freue mich, als ich auf der Karte den Kaiserschmarren entdecke. Das hätte ich aber auch bleiben lassen können, denn was da serviert wurde ist eine ziemlich trockene und zähe Eierspeise. Guter Kaiserschmarren ist schön fluffig und auch nicht trocken. Ich vermute, dass hier Convenience Schmarren zubereitet wurde. Isabelle bestellt Kletznudeln (Danke Isabelle, dass du das in deinem Reisebericht immer so akribisch niederschreibst), die ihr vorzüglich schmecken. Somit stehts 1:1 und damit gebe ich dem Goldenen Anker noch eine zweite Chance ;-)
Natürlich möchten wir uns auch hier noch ein bisschen umschauen. Ein kleiner Multicache hilft dabei und führt uns um diesen tollen Wassergraben. Die Anlage ist top in Stand gesetzt und ein paar Kunstwerke die im oder neben dem Wassergraben aufgestellt sind, machen das Ganze nochmal interessanter. Auf verschiedenen Infotafeln erfährt man noch weitere Fakten über die Geschichte von Friesbach, aber der Wassergraben und die gut erhaltene mittelalterliche Struktur sind nicht das einzige was dieses Städtchen zu bieten hat. Nö, nö, hier steht nämlich auch die Kirche mit dem längsten Kirchenschiff von Kärnten und natürlich schauen wir auch da noch schnell rein.
Wassergraben um Friesbach
Und dann ...
ja dann trennen sich unsere Wege. Das Hotel für die letzte Nacht in Leoben hat Isabelle bereits gebucht und somit ist das Tagesziel auch klar definiert. Beim Mittagessen meinte Isabelle, dass für Sie hier Schluss ist. Ihre Batterien sind leer. Sie hatte vor ein, zwei Tagen schon gesagt, dass sie müde sei und jeder Tag sie mehr und mehr anstrengt. Eine solche Reise soll aber vor allem Spass machen und wenns nicht mehr geht, muss man da auch nichts erzwingen. Auf jeden Fall ziehe ich den Hut vor dem was sie geleistet hat. Ich bin ihr auch dankbar, dass sie mich noch ein Stückchen weiter radeln lässt, weil ich bei diesem tollen Wetter gerne noch ein Stück weiterfahren möchte und auch noch genügend Energie habe. Heute wo wir ein gemeinsames Ziel haben, das wir einfach über verschiedene Wege erreichen, ist das auch ein gut machbarer Kompromiss, der für beide stimmt. So trennen sich in Friesbach bis heute Abend unsere Wege und ich bin gespannt, wie weit ich noch komme und was mich noch erwartet. Isabelle fährt zum Bahnhof und ich schaue mir vor meiner Weiterfahrt noch die zweite Kirche an und gönne mir mal wieder ein Eis. Das kam auf dieser Tour bisher viel zu kurz.
Um viertel nach drei gehts dann weiter. Die Strecke ist und bleibt traumhaft. Kurz nach Friesach erreiche ich die Landesgrenze zur Steiermark und hier beginnt auch der Radweg R18. Auch hier führt der Strecke Anfangs oft über relativ verkehrsreiche Strassen, aber ab Neumarkt geht es dann über ruhige Nebenstrassen durch ländliches Gebiet weiter. Seit der Landesgrenze steigt die Strecke stetig an. Manchmal gemütlich, aber ich muss auch immer wieder mal ein paar ganz schöne Rampen hoch kurbeln. Nach Neumarkt ist dann irgendwann der Bergpreis auf 950 Meter über Meer erreicht. Bevor ich aber diese Marke erreiche, muss ich im Städtchen nochmal einen kleine Stopp einlegen. Wieder mal lockt mich ein Kirchenturm weg von meiner Route. Die Pfarrkirche St. Marein bei Neumarkt fällt durch ihren wuchtigen quadratischen Turm auf und jetzt muss ich schnell Wiki zitieren, weil ich das selber nicht formulieren kann: «Die barocke Turmhaube hat eine offene achtseitige Laterne und eine Doppelzwiebel.» Die «Laterne» ist wie eine offene Zwischenetage unter dem Zwiebeldach, deren Funktion ich hier aber nicht wirklich verstehe. In der Architktur bedeutet Laterne in diesem Zusammenhang, ein lichteinlassender Dachaufsatz. Witzig ist auch die Lage der Kirche, die innerhalb eines Friedhofgemäuers liegt. Eine gemauerte Passerelle verbindet die Kirche mit dem Pfarrhaus und auch die Friedhofskappelle ist speziell. Sie ist ein kreisrunder gedrungener Turm mit spitzem Kegeldach.
Letzter Blick zurück zur Saualpe
Ich erklimme die letzten Höhemeter und freue mich auf die Abfahrt nach Teufenbach, wo ich auf den Mur-Radweg treffe und dem gleichnamigen Tal in westlicher Richtung folge. In einem kleinen Supermarkt kaufe ich mir zwei kalte Fanta und ein 3er Pack Mars. Die Strecke bis hier war bei den sommerlichen Temperaturen und der Steigung doch ganz schön kräftezehrend. Es ist auch höchste Zeit, sich mal um die Zugverbindungen zu kümmern, dann bis Leoben komme ich heute nicht mehr, zumindest nicht bei Tageslicht. Als ich den Fahrplan ab Teufenbach checke, staune ich, dass die letzte Bahn hier um um 18:20 fährt. Ich prüfe dann die Zeiten der talabwärts liegenden Orte und sehe, dass dort stündlich eine S-Bahn nach Leoben fährt. Ein Fragezeichen bleibt und so entscheide ich mich bis nach St. Georgen ob Judenburg zu fahren. Von der Mur sieht man auf diesem Streckenabschnitt des Murradweges nicht viel. Man wird hier aber immer wieder mit zwar kurzen aber sehr knackigen Anstiegen auf Temperatur gehalten. In Unzmarkt, etwa zehn Kilometer nach Teufenbach, kann ich dann auch das Geheimnis lüften, wieso in Teufenbach der letzte Zug um 18:20 fährt und danach Ende im Gelände ist. Hier hält nämlich nur der Zug der Murtalbahn, eine kleine Schmalspurbahn die in Unzmarkt endet. Die Hauptlinie die nach Leoben fährt, trifft zwar auch oberhalb von Teufenbach aufs Murtal, die Strecke führt aber auch oberhalb des Dorfes durch und hält erst in den nächsten Ortschaften talabwärts. In Unzmarkt treffen die beiden Bahnlinien aufeinander. Das 18:20 Bähnchen fuhr auch mal an mir vorbei und da realiserte ich schon mal, das es sich hier kaum um die S-Bahn handelt, die nach Leoben fährt. Da es zeitlich ganz gut passt, lass ich Sankt Georgen ob Judenburg links bzw. rechts liegen und fahre noch eine Station weiter. Beim Bahnhof Thalheim Pöls ist dann Schluss und ich warte hier auf die S-Bahn nach Leoben. Damit endet an diesem Ort im Murtal in Österreich meine Radreise durch Slowenien, ein klitzekleines bisschen Italien und Österreich.
Endpunkt meiner Radreise
Die S-Bahn bring mich dann in fünfzig Minuten nach Leoben, wo mich Isabelle im Hotel empfängt und mich zuerst in den Radkeller führt, dann dem kleinen Roboter in der Hottellobby vorstellt und mir dann unser Zimmer zeigt. Zum Abschluss geht es nach einer schnellen Dusche ins nahegelegene Stadtzentrum in die Pizzeria San Marco, wo ich mir zum Abschluss ein klasisches Radleressen gönne: Spaghetti Bolognese, per favore! Isabelle bekommt eine Monsterportion dreierlei Pasta. Und nach dem üppigen Essen geht es direkt zurück ins Hotel.
Der letzte Tag ist nicht mehr gross erwähnenswert. Bevor wir am Morgen zum Bahnhof fahren, drehen wir noch eine kurze Schleife durchs Städtchen. Wir haben genug Zeit, um der Kirche noch einen Besuch abzustatten. Isabelle wollte sie sich gestern schon anschauen, war aber geschlossen. Dann gehts noch schnell zur Bäckerei und in den Supermarkt, wo wir uns Proviant und Getränke für Unterwegs einkaufen. Der Zug kommt pünktlich und ich nutze den Grossteil der Reise, mein Tagebuch nachzutragen, ohne aber die herrliche Berglandschaft zu ignorieren, die an uns vorbei zieht. Österreich, ein Land das in den letzten Jahren nie gross in meinem Fokus stand, aber nach dieser Reise, doch mein Interesse geweckt hat.
Und was soll ich jetzt am Ende noch für ein schlaues Fazit zur Tour zum Besten geben? Alles in allem war es ein absolut phantastisches Erlebnis. Slowenien ist ein unglaublich schönes Land mit sehr freundlichen Menschen. Das Wetter hat uns leider immer wieder mal einen Strich durch die Rechnung gemacht und da und dort hätte es auch noch mehr zu sehen gegeben, aber dazu fehlt am Ende auf einer Radreise meistens die Zeit. Natürlich entdeckt man auf einer solchen Tour auch viele Trouvaillen erst unterwegs. Es bleiben auf jeden Fall schöne Erinnerungen und einige Orte, die ich gerne ein zweites Mal besuchen würde, um dort noch mehr zu entdecken.
In Zürich trennen sich dann unsere Wege iin diesem Urlaub endültig. Für Isabelle gehts ins Limmattal, für mich heim ins Säuliamt. Bleibt am Ende nur ein grosses Dankeschön an meine tolle Begleitung und die schönen Tage die ich mit dir verbringen durfte. Merci, Isabelle.