Slowenien Radreise 2025
In 11 Tagen durch Slowenien und Österreich

Tag 2: Mittwoch, 21. Mai, 2025
Dobrodošli v Sloveniji (Willkommen in Slowenien)

Tarvisio – Gabrje

Karte Tag 2

65 km | ↗ 810 m | ↘ 1380 m

Um halb acht wache ich auf. Isabelle ist schon munter und geduscht und pünktlich treffen wir in der Küche unseren Gastgeber, der uns ein schönes Frühstück mit frischen Cornetto con Crema und Vollkorn-Brötchen zubereitet hat. Dazu gibts einen frisch gebrühten Bialetti-Café und ein paar Tipps, was es in der Region noch so alles zu entdecken gibt. Nach dem Essen gehts dann bei bedecktem Himmel los in Richtung Passo del Pedril. In schöner Landschaft folgen wir auf der wenige befahrenen Strasse der Slizza. Kurz vor Cava del Pedril wundere ich mich über riesige Kunstbauten auf der linken Talseite, die ich nicht einem bestimmten Zweck zuordnen kann. Sie gehören wohl zur Mine Raibl und dem Bergbauort Cave del Predil, wo 1968 noch 2100 Einwohner lebten. Heute wirkt die Ortschaft ziemlich ausgestorben und laut Wiki lebten hier 1999 gerade noch 450 Menschen. Das riesige Bergwerk umfasste 130 km Stollen, wo bis zur Stilllegung 1991 Blei und Zink abgebaut wurde. Wir machen vor dem Eingang zur Mine einen kurzen Halt und schauen uns die Bergbaumaschien und -geräte an, die hier ausgestellt sind. Ich staune über die Ausmasse des Bergwerks, was von Aussen zu sehen ist und kann mir kaum vorstellen, wie gigantisch das im inneren des Berges wohl gewesen war.

Weiter geht es der Hauptstrasse folgend Richtung Passo del Predil. Wir passieren den schönen Lago del Predil, der je höher man steigt ein bisschen an ein Fjord erinnert. Eine mystisch schöne Stimmung liegt über dem See. Zu meiner Verwunderung scheint es sich hier nicht um einen Stausee zu handeln, zumindest ist keine Staumauer zu sehen. Die Strasse zieht nach dem See etwas an und wir pedalen langsam mit unseren schweren Rädern Richtung slowenische Grenze, die sich auf der Passhöhe befindet. Keine 200 m davor steht noch eine alte Befestigungsanlage aus dem ersten Weltkrieg, die wir natürlich auch noch inspizieren müssen. Über hundert Mann beherbergte diese Anlage damals. Teile des Mauerwerks sind noch recht gut erhalten, aber bei vielen Räumen sind die Decken eingestürzt und bewachsen. So holt sich die Natur ihren Lebensraum wieder zurück. Mich faszinieren solche Bauwerke und ich wenn ich die Möglichkeit habe, nehm ich mir gerne etwas Zeit, um sie zu besichtigen. Die Steigung haben wir geschafft und die letzten 200 Meter zur Grenze geht es gemütlich geradeaus. Die Zollstation wirkt ähnlich verlassen, wie das Bergbaudorf und hat ihre besten Tage wohl auch gesehen. Nur ein italienischer Polizist steht gelangweilt herum und interssiert sich überhaupt nicht für uns.

Grenzübergang Slowenien auf dem Passo del Padril

Grenzübergang Slowenien auf dem Passo del Padril.

Ich betrete hier zum ersten Mal in meinem Leben slowenischen Boden. Die Berge die bis in die Talböden hinab bewaldet sind faszinieren mich. Bevor die lange Abfahrt beginnt, legen wir nach einem halben Kilometer schon den nächsten Stopp ein. Hier steht ein altes Fort, das wir uns auch noch anschauen möchten. Die Ruine hat eindrückliche Ausmasse, aber es stehen nur noch die Grundmauern. Geschlossene Räume gibt es hier keine mehr und im inneren der Ruine hat die Vegetation wieder das Zepter übernommen. Unten an der Strasse entdecken wir auf der Weiterfahrt noch ein nicht minder eindrücklickes Denkmal. Es erinnert an den Heldentod von Hauptmann Hermann von Hermannsdorf, der hier 200 Mann kommandierte und gegen die Franzosen kämpfte.

Festung Predel

Festung Predel

Nach dieser weiteren Pause gehts dann endlich in die lange und rasante Abfahrt Richtung Bovec. Ich muss dabei an unseren Rückweg denken, wo wir über den Vrsic Pass fahren möchten und danach den Passo del Perdil nochmal von dieser Seite bezwingen müssen. Mir kommt diese Seite etwas heftiger vor, aber das kann auch täuschen, wenn man mit 60 Sachen den Berg hinunter saust. Ein Zuckerschlecken wirds sicher nicht, aber bis dahin sind wir ja noch ein Weilchen unterwegs. In ersten Dörfchen warte ich kurz auf Isabelle und just in diesem Moment fährt ein kleiner Tranporter auf den kleinen Platz vor der Kirche. Ein laut plärrender Lautsprecher auf dem Dach macht mit scheppernder slowenischer Volksmusik auf sich aufmerksam. Es ist der slowenische «Supermarkt auf Rädern», der hier die Bevölkerung mit dem Nötigsten versorgt. Ich ärgere mich im nachhinein, dass ich nicht hingegangen bin und mir das näher angeschaut habe. Eine frische Banane oder ein Mineralwasser hätte ich mir da gerne gönnen können.

Pension Martinov Hram

Vorzügliches Essen in der Pension Martinow Hram

Die Landschaft hier ist ein Traum und zu unserer Freude klart der Himmel kurz vor Bovec auf. Wir rauschen an einem Verkehrsschild vorbei, das ich nur am Rande wahr nehme. Es steht irgendwas von Umleitung und Vrsic-Pass darauf und ich merke, dass dieser Hinweis wohl nicht ganz unwichtig ist ;-) Also rechtsum kehrt und schnell fotografieren. In der Tat ist die Info für unsere weitere Planung nicht ganz unwichtig. Auf dem Schild steht, dass der Vrsic-Pass wochentags von 7:00 bis 17:00 Uhr gesperrt ist. Wir nehmen es mal zur Kenntnis und werden uns noch genauer informieren, was das für unsere geplante Route bedeutet.

Traumlandschaft nach Bovec

Traumhafte Landschaft nach Bovec

In Bovec kehren wir dann – entgegen unserer Pläne, uns im Supermarkt ein Picnic zu kaufen – in ein Restaurant ein. Wir sind ganz gut in der Zeit und als wir die schön überdachte Pergola sehen, verwerfen wir den Picnic Plan und setzen uns an den letzten freien Tisch. Die Speisekarte hält diverse lokale Spezialitäten bereit, die mir alle nicht geläufig sind. Die deutschen und englischen Übersetzungen der Gerichte amüsieren mich und erinnern mich an meine Jugendzeit, wo es im Italien- und Spanienurlaub immer ein Spass war, die «deutschen» Speisekarten zu lesen. Zu Zeiten von Google Translate und Deepl findet man solche Trouvaillen heute nicht mehr so oft. Ich bestelle mir «Schafsquark mit Kartoffel und Schafkäse» oder etwas verständlicher Čompe z ovčjo in ovečjim sirom. Isabelle entscheidet sich für Krompirjevi njoki z ovčjo skuto, oder «in übersetzt» Gnocchi mit Schafkäse. Die Gerichte die uns serviert werden, hauen uns dann fast vom Hocker. Wir wähnen uns plötzlich in einem Sternelokal, sitzen aber in einer urchig gemütlichen slowenischen Gartenbeiz. Die mit Blüten verzierten Speisen sind wunderschön angerichtet und schmecken vorzüglich. Am Nachbartisch hat sich eine grössere Gruppe niedergelassen und auch da staunen wir, was für Köstlichkeiten dort aufgetischt werden. Ein Highlight scheint wohl Forelle im Mantel zu sein. Einfach phantastisch und das zu Preisen, die wir kaum fassen können. Falls ich mal wieder nach Slowenien komme, werde ich auf jeden Fall im Gostišče Martinov Hram übernachten und mich durch die Speisekarte schlemmen.

Bei Sonnenschein und Gegenwind geht es dann satt und sehr zufrieden weiter. Die Landschaft – ein Traum. Die Natur geizt hier nicht mit ihren Reizen. Alles ist grün und saftig. Bunte Blumenwiesen in einer unglaublich vielfältigen Farbenpracht säumen den Weg und die Soca ist nun unser steter Begleiter. Auf einem kurzen Stück der Strecke nimmt der Autoverkehr stark zu und ich frage mich, woher der ganze Verkehr so plötzlich kommt. An einer Weggabelung müssen wir dann entscheiden, ob wir der Hauptstrasse, oder einer kleinen Strasse der Soca entlang folgen möchten. Wie wählen zum Glück die kleine Strasse die nun immer schönere Blicke auf die leuchtende Soca gewährt. Bei der Napoleonbrücke treffen die beiden Wege wieder aufeinander und natürlich nutze auch ich diesen tollen Fotospot für ein paar Aufnahmen.

Napoleon Brücke über die Soca

Napoleon Brücke über die Soca

Auch wenn uns noch die Sonne auf den Velohelm scheint, ziehen wieder dunkle Wolken talabwärts auf. Wir entscheiden uns deshalb, den nächsten Campinplatz anzusteuern und kommen tatsächlich in den letzten paar Minuten noch in das herrannahende Gewitter. Der Campingplatz liegt direkt an der Soca und das grosse überdachte Restaurant schützt uns gut vor dem heftiger werdenden Regen. Es sind kaum Gäste da und bei einem Radler und Mineralwasser sitzen wir erstmal die erste Regenwelle aus. Dnn werden die Zelte aufgestellt und wir überlegen uns, wie wir den Abend und unser Abendessen organisieren wollen. Der Kiosk hat inzwischen geschlossen und da wir in Bovec nicht einkaufen waren, sind unsere Taschen ziemlich leer. Der Regenradar und die schwarzen Wolken um uns herum zeigen deutlich, dass wir wohl nicht trocken bis Tolmin zum einkaufen kommen. Und tatsächlich erreicht uns der nächste Wolkenbruch keine zehn Minuten später mit voller Wucht. Isabelle ist beim aufstellen ihres Zeltes routiniert und schnell und geht nochmal duschen, mich hat das Gewitter beim fertig einrichten überrascht und so sitze ich diesen Wolkenbruch im Zelt aus. Ich glaub ich wär triefnass, wenn ich jetzt die 50 Meter hinüber zum Restaurant laufen müsste. Nach vielleicht zwanzig Minuten ist das Spektakel vorbei und notgedrungen gibt es zum Abendessen dann das, was unsere Taschen noch hergaben. Für mich Müesli mit Milchpulver und Bier und Isabelle kocht sich eine Fertigsuppe aus ihrem Notvorat.

Wegen des anhaltenden Regens bleiben wir unter dem grossen Dach beim Kiosk sitzen bis es eindunkelt. Schon bald sind wir die Letzten die sich hier aufhalten und gegen halb zwölf habe ich mein Tagebuch nachgetragen und verschiebe mich auch in meinen warmen Schlafsack.

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